Osramgründe    
 

 

Ernst Gehmacher

SOZIALKAPITAL IN DER GROSSTSTADT
ALT-ERLAA

Arbeitsbericht: Ergebnisse der Umfrage 2004
N=633

 

1. Der Zeitaufwand für die drei Ebene der Sozialkontakte (Nahbereich, Verbandbereich, Symbolbereich) ist bei den Bewohnern von Alt Erlaa vergleichsweise günstig.


Im Mikro-Bereich der Nahebeziehungen (Familie und Freunde) sind fast alle (95 %) eingeschlossen. Drei Viertel haben dafür viel Zeit - und etwa 60 % wird davon in Alt-Erlaa verbracht. Das ist wirklich wie in einem Dorf.


Auch die Einbindung in Vereinsleben und Geselligkeit ist mit 65 % Teilnahme mit einigem Zeitaufwand noch beachtlich. Allerdings sind es nur mehr 22 Prozent, die dafür viel Zeit aufwenden. Und der besonders für das Vereinsleben noch recht gute Anteil - jeder fünfte verbringt viel Zeit in Vereinen - geht zu 63 Prozent auf die Angebote in Alt-Erlaa selbst zurück. Es ist sicher, dass Alt Erlaa sein relativ hohes Sozialkapital auf der Meso-Ebene (Verbandbereich) dem lokalen Angebot verdankt. Der Geselligkeits-Erlebnisbereich liegt zu zwei Drittel außerhalb der Wohnhausanlage - aber auch da erscheint der Anreiz von Alt Erlaa noch groß.


Dem viel beklagten Mangel an gesellschaftlicher Integration entsprechend geringer ist der Zeitaufwand für den Symbolbereich an Gemeinschaft in Politik und Religion. Da sind nur mehr wenige Prozent so engagiert, dass sie viel Zeit dafür aufbringen. Und dieses Engagement wäre noch kläglicher, wenn Alt Erlaa nicht diese Kontakte zu mehr als 60 Prozent bieten würde.


Auch bei den solitären Aktivitäten, im Sport- und Hobby-Bereich, bietet Alt Erlaa viel: drei Viertel spielt sich davon im Wohnviertel selbst ab.

 

Tabelle 1: ZEIT IN VERSCHIEDNEN LEBENSBEREICHEN (in %)

 

 

Lebensbereiche

viel Zeit

Zeit in Alt-Erlaa

überhaupt Zeit

Familie

82

 

73

 

95

 

Freundeskreis

69

 

45

 

96

 

Mikro-Ebene durchschnittl.

 

76

 

59

 

95

Vereine

19

 

63

 

54

 

Geselligkeit

25

 

36

 

75

 

Meso-Ebene durchschnittl.

 

22

 

50

 

65

Kunst

25

 

28

 

69

 

Politik

5

 

60

 

44

 

Religion

11

 

64

 

43

 

Makro-Ebene durchschnittl.

 

14

 

51

 

52

Hausarbeit, Hobby

77

 

86

 

94

 

Sport, Gesundheitspflege

54

 

61

 

86

 

Solitär

 

66

 

74

 

90

 

 

 


Die zweite wesentliche Komponente von Sozialkapital (neben dem gemeinschaftlichem Zeitaufwand) ist die Größe des Kreises an Kontaktpersonen und Vertrauenspersonen („vertraute“ und gut „bekannte“ Personen).


Da zeigt sich nun schon deutlich die Enge der sozialen Gemeinschaft in der Großstadt. Freunde und gute Bekannte haben noch mehr als 90 Prozent. Auf der Mikro-Ebene ist das Sozialkapital vorhanden. Aber auch schon recht dünn - viele Freunde und gute Bekannte haben in Alt Erlaa nur 30 Prozent, außerhalb 43 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten hat nur einzelne nähere Freunde.


Im mittleren Bereich der Vereine und Verbände wird die Decke engerer persönlicher Beziehungen schon sehr knapp. Viele gute Kolleginnen und Kollegen in Beruf und Schule haben nur mehr ein Fünftel - und im Vereinsleben gerade ein Zehntel der Leute.


In den sozialen Bereichen von Politik und Religion sind überhaupt nur mehr kleinste Zirkel von wenigen Prozent persönlich befreundet.

 

Tabelle 2: KONTAKT- und VERTRAUENSPERSONEN (in %)

 

 

Kontakt- und Vertrauenspersonen

ALT-ERLAA

EXTERN

 

überhaupt

viele

überhaupt

viele

Familie

59

19

-

-

Freundeskreis

90

30

92

43

Arbeit, Schule

-

-

53

21

Verein

39

10

41

8

Politik

20

1

22

2

Religion

27

5

24

3

 

 

 


Die sozialen Kontaktkreise in Alt Erlaa und außerhalb sind in etwa gleich groß. Das heißt, die Hälfte des Sozialkapital-Netzes an persönlichen Bindungen („ties“) existiert im eigenen Wohn- und Nachbarschaftsbereich. Diese Bindungsdichte im engeren Wohnbereich liegt etwas unter den Kontakt-Nähe-Relationen in ländlichen Siedlungen und Dörfern, aber weit über der Dichte der örtlich nahegelegenen Nahekontakte in den üblichen großstädtischen Wohnformen (Wohnhausanlagen, Wohnviertel, Siedlungen).

 

****

 

Die funktionale Bedeutung der drei Ebenen von Sozialkapital zeigen in Alt Erlaa voll das Muster der modernen Auflösung der gesellschaftlichen Einbindungen und den Rückzug auf die engsten persönlichen Nahebeziehungen.
Nähe, Trost und Verständnis finden nur je fünf Prozent in der Religionsgemeinschaft und in Vereinen, noch ein Zehntel in Beruf und Schule. Die Mehrheit hat dafür nur die Familie und den engeren Freundeskreis. Und ein Fünftel bleibt allein. Wiederum hat Alt Erlaa etwa den halben Anteil an diesem Netz von engen Vertrauensbeziehungen.
Rat und Hilfe in Schwierigkeiten folgen fast genau demselben Muster. Es sind zum Teil wohl die selben Personen, welche Verständnis und Hilfe bieten.


Tabelle 3: SOZIALKAPITAL-FUNKTIONEN

 

 
 

NÄHE

STÜTZE

VERTRETUNG

SELBSTENT_

FALTUNG

 

AA

EXT

AA

EXT

AA

EXT

AA

EXT

Familie

54

-

36

-

9

-

19

-

Bekannte

32

59

32

56

12

12

17

27

Arbeit, Schule

-

11

-

14

-

8

-

22

Verein

5

4

3

3

2

3

9

13

Politik

1

1

1

2

8

8

14

2

Religion

6

4

5

5

2

2

4

3

 

Anders sieht es aus, was die Interessenvertretung anbelangt. Da werden die Kontakte zur Politik, die fast nichts an Nähe und Stütze bieten, bedeutsam. Immerhin 8 Prozent erinnern sich ihrer Bekannten in der Politik, wenn sie Vertretung brauchen. Auffallend ist, dass Selbstentfaltung im sozialen Bereich auffallend oft (14 %) von der Politik in Alt Erlaa animiert wird.

 

***


Die Frage nach dem Vertrauen in die gesellschaftlichen Einrichtungen gehört zum internationalen Repertoire der Sozialkapital-Messung.


Es lassen sich aus den Antworten drei Abstufungen im Vertrauen ausmachen.
Von breitem Vertrauen getragen (zwischen 30 und 50 Prozent starkem Vertrauen und zwischen 60 und 80 Prozent noch positivem Vertrauen) sind die staatlichen Systeme der Bildung, der inneren Sicherheit und der sozialen Sicherheit - und auch die nicht politische Umweltbewegung.

Tabelle 4: VERTRAUEN in VERSCHIEDNE BEREICHE (in %)

 

 
 

Note 1+2

Note 1+2+3

Bildungssystem

48

79

Innere Sicherheit

40

76

Umweltbewegung

36

70

Soziale Sicherheit

32

64

Kirche

19

41

Medien

16

55

Arbeitsmarkt

14

47

Politisches System

8

29

 

Dagegen fallen die Medien und die Kirche, aber auch das Funktionieren des Arbeitsmarktes schon ab. Ganz gering ist das Vertrauen in das politische System. (Und hier stellt sich die Frage, inwieweit die Stichprobe der 633 Respondenten die Meinung aller Bewohner repräsentiert.) Von einer politisch-ideologischen „Lagerung“ kann jedenfalls nicht die Rede sein.
Aber die politischen Wahlen werden sehr wohl für wichtig genommen. In erster Linie die Nationalratswahlen (77 % mit Wichtigkeits-Note 1 oder 2), dann die Gemeinderatswahlen (61 %) und etwas weniger die Wahlen zum EU-Parlament (43 %). Dem entsprechen die Identifikationen mit der engeren und weiteren „Heimat“.

 

Tabelle 5: IDENTIFIKATION

 

 

Es sehen sich selbst als

voll und ganz/stark (in %)

Österreicher

88

Alt Erlaaer

71

Wiener

68

Europäer

66



Bei diesen Anteilen an Identifikation ist zu berücksichtigen, dass von den Repondenten nur 65 Prozent ihre Kindheit in Wien verbracht haben, mehr als ein Viertel aus einem anderen Bundesland stammt und 8 Prozent nach Österreich zugewandert sind.

 

***

 

Die Befindlichkeit der Respondenten entspricht im allgemeinen dem Durchschnitt einer solchen Population in Wien: ziemlich viel Berufs-Stress unter der Fuchtel eines für die eigenen Ansprüche nicht ganz zureichenden Einkommens, nicht krank und doch nicht so ganz gesund, aber mit dem Leben und den menschlichen Beziehungen großteils so ziemlich zufrieden. Doch Umweltqualität und Freizeitwert sind in Alt Erlaa hoch. Und das Wohnen ist ein Traum - hier liegen die Werte weit über dem Durchschnitt.

 

Tabelle 6: BEFINDLICHKEIT und ZUFRIEDENHEIT (in %)

 

 

 

Note 1

Note 1+2

Wohnung

64

91

Wohnverhältnisse

56

88

Wohnhausanlage

52

85

Lebensqualität Umgebung

45

82

Erholung, Sport, Hobbys

42

76

Lebenszufriedenheit

38

84

menschliche Beziehungen

36

71

Gesundheit

27

74

seelische Grundstimmung

32

78

Finanzielle Verhältnisse

25

63

Arbeit, Beruf, Schule

17

46

 


Als Indikator für die Stressbewältigungs-Kraft der Personen wurde der Sense-of-Coherence-Test der Salutogenese-Theorie nach Aaron Antonovsky verwendet, mit Fragen nach dem Sinngefühl und dem Grundvertrauen in die Mitmenschen und in sich selbst. Mit einem durchschnittlichen Wert auf der Fünfer-Noten-Skala von 2.24 schnitten die Respondenten aus Alt Erlaa etwas überdurchschnittlich ab.


Es sei in dieser ersten Auswertung die schwierige Frage dahingestellt, ob diese „gesundmachende Seelenstärke“ der Alt Erlaaer durch die Selektion der Bewohner zustande gekommen ist, durch die befriedigenden Wohnverhältnisse oder durch das höhere Sozialkapital des gemeinschaftsfördernden Wohngebietes.

 

 

Weiters verfügbar:

 

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