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Ernst GehmacherSOZIALKAPITAL IN DER GROSSTSTADT
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Lebensbereiche |
viel Zeit |
Zeit in Alt-Erlaa |
überhaupt Zeit |
|||
|
Familie |
82 |
73 |
95 |
|||
|
Freundeskreis |
69 |
45 |
96 |
|||
|
Mikro-Ebene durchschnittl. |
76 |
59 |
95 |
|||
|
Vereine |
19 |
63 |
54 |
|||
|
Geselligkeit |
25 |
36 |
75 |
|||
|
Meso-Ebene durchschnittl. |
22 |
50 |
65 |
|||
|
Kunst |
25 |
28 |
69 |
|||
|
Politik |
5 |
60 |
44 |
|||
|
Religion |
11 |
64 |
43 |
|||
|
Makro-Ebene durchschnittl. |
14 |
51 |
52 |
|||
|
Hausarbeit, Hobby |
77 |
86 |
94 |
|||
|
Sport, Gesundheitspflege |
54 |
61 |
86 |
|||
|
Solitär |
66 |
74 |
90 |
|||
Die zweite wesentliche Komponente von Sozialkapital (neben dem gemeinschaftlichem
Zeitaufwand) ist die Größe des Kreises an Kontaktpersonen
und Vertrauenspersonen („vertraute“ und gut „bekannte“ Personen).
Da zeigt sich nun schon deutlich die Enge der sozialen Gemeinschaft in
der Großstadt. Freunde und gute Bekannte haben noch mehr als 90 Prozent.
Auf der Mikro-Ebene ist das Sozialkapital vorhanden. Aber auch schon recht
dünn - viele Freunde und gute Bekannte haben in Alt Erlaa nur 30 Prozent,
außerhalb 43 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten hat nur
einzelne nähere Freunde.
Im mittleren Bereich der Vereine und Verbände wird die Decke engerer persönlicher
Beziehungen schon sehr knapp. Viele gute Kolleginnen und Kollegen in Beruf
und Schule haben nur mehr ein Fünftel - und im Vereinsleben gerade ein
Zehntel der Leute.
In den sozialen Bereichen von Politik und Religion sind überhaupt nur
mehr kleinste Zirkel von wenigen Prozent persönlich befreundet.
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Kontakt- und Vertrauenspersonen |
ALT-ERLAA |
EXTERN | ||
|
überhaupt |
viele |
überhaupt |
viele | |
|
Familie |
59 |
19 |
- |
- |
|
Freundeskreis |
90 |
30 |
92 |
43 |
|
Arbeit, Schule |
- |
- |
53 |
21 |
|
Verein |
39 |
10 |
41 |
8 |
|
Politik |
20 |
1 |
22 |
2 |
|
Religion |
27 |
5 |
24 |
3 |
Die sozialen Kontaktkreise in Alt Erlaa und außerhalb sind in etwa
gleich groß. Das heißt, die Hälfte des Sozialkapital-Netzes
an persönlichen Bindungen („ties“) existiert im eigenen
Wohn- und Nachbarschaftsbereich. Diese Bindungsdichte im engeren Wohnbereich
liegt etwas unter den Kontakt-Nähe-Relationen in ländlichen
Siedlungen und Dörfern, aber weit über der Dichte der örtlich
nahegelegenen Nahekontakte in den üblichen großstädtischen
Wohnformen (Wohnhausanlagen, Wohnviertel, Siedlungen).
****
Die funktionale Bedeutung der drei Ebenen von Sozialkapital zeigen in
Alt Erlaa voll das Muster der modernen Auflösung der gesellschaftlichen
Einbindungen und den Rückzug auf die engsten persönlichen Nahebeziehungen.
Nähe, Trost und Verständnis finden nur je fünf Prozent
in der Religionsgemeinschaft und in Vereinen, noch ein Zehntel in Beruf
und Schule. Die Mehrheit hat dafür nur die Familie und den engeren
Freundeskreis. Und ein Fünftel bleibt allein. Wiederum hat Alt Erlaa
etwa den halben Anteil an diesem Netz von engen Vertrauensbeziehungen.
Rat und Hilfe in Schwierigkeiten folgen fast genau demselben Muster.
Es sind zum Teil wohl die selben Personen, welche Verständnis und
Hilfe bieten.
|
NÄHE |
STÜTZE |
VERTRETUNG |
SELBSTENT_ FALTUNG | |||||
|
AA |
EXT |
AA |
EXT |
AA |
EXT |
AA |
EXT | |
|
Familie |
54 |
- |
36 |
- |
9 |
- |
19 |
- |
|
Bekannte |
32 |
59 |
32 |
56 |
12 |
12 |
17 |
27 |
|
Arbeit, Schule |
- |
11 |
- |
14 |
- |
8 |
- |
22 |
|
Verein |
5 |
4 |
3 |
3 |
2 |
3 |
9 |
13 |
|
Politik |
1 |
1 |
1 |
2 |
8 |
8 |
14 |
2 |
|
Religion |
6 |
4 |
5 |
5 |
2 |
2 |
4 |
3 |
Anders sieht es aus, was die Interessenvertretung anbelangt. Da werden die Kontakte zur Politik, die fast nichts an Nähe und Stütze bieten, bedeutsam. Immerhin 8 Prozent erinnern sich ihrer Bekannten in der Politik, wenn sie Vertretung brauchen. Auffallend ist, dass Selbstentfaltung im sozialen Bereich auffallend oft (14 %) von der Politik in Alt Erlaa animiert wird.
***
Die Frage nach dem Vertrauen in die gesellschaftlichen Einrichtungen
gehört zum internationalen Repertoire der Sozialkapital-Messung.
Es lassen sich aus den Antworten drei Abstufungen im Vertrauen ausmachen.
Von breitem Vertrauen getragen (zwischen 30 und 50 Prozent starkem
Vertrauen und zwischen 60 und 80 Prozent noch positivem Vertrauen)
sind die staatlichen
Systeme der Bildung, der inneren Sicherheit und der sozialen Sicherheit
- und auch die nicht politische Umweltbewegung.
|
Note 1+2 |
Note 1+2+3 | |
|
Bildungssystem |
48 |
79 |
|
Innere Sicherheit |
40 |
76 |
|
Umweltbewegung |
36 |
70 |
|
Soziale Sicherheit |
32 |
64 |
|
Kirche |
19 |
41 |
|
Medien |
16 |
55 |
|
Arbeitsmarkt |
14 |
47 |
|
Politisches System |
8 |
29 |
Dagegen fallen die Medien und die Kirche, aber auch das Funktionieren
des Arbeitsmarktes schon ab. Ganz gering ist das Vertrauen in das politische
System. (Und hier stellt sich die Frage, inwieweit die Stichprobe der
633 Respondenten die Meinung aller Bewohner repräsentiert.) Von
einer politisch-ideologischen „Lagerung“ kann jedenfalls
nicht die Rede sein.
Aber die politischen Wahlen werden sehr wohl für wichtig genommen.
In erster Linie die Nationalratswahlen (77 % mit Wichtigkeits-Note 1
oder 2), dann die Gemeinderatswahlen (61 %) und etwas weniger die Wahlen
zum EU-Parlament (43 %). Dem entsprechen die Identifikationen mit der
engeren und weiteren „Heimat“.
|
Es sehen sich selbst als |
voll und ganz/stark (in %) |
|
Österreicher |
88 |
|
Alt Erlaaer |
71 |
|
Wiener |
68 |
|
Europäer |
66 |
Bei diesen Anteilen an Identifikation ist zu berücksichtigen,
dass von den Repondenten nur 65 Prozent ihre Kindheit in Wien verbracht
haben, mehr als ein Viertel aus einem anderen Bundesland stammt und
8 Prozent nach Österreich zugewandert sind.
***
Die Befindlichkeit der Respondenten entspricht im allgemeinen dem Durchschnitt einer solchen Population in Wien: ziemlich viel Berufs-Stress unter der Fuchtel eines für die eigenen Ansprüche nicht ganz zureichenden Einkommens, nicht krank und doch nicht so ganz gesund, aber mit dem Leben und den menschlichen Beziehungen großteils so ziemlich zufrieden. Doch Umweltqualität und Freizeitwert sind in Alt Erlaa hoch. Und das Wohnen ist ein Traum - hier liegen die Werte weit über dem Durchschnitt.
|
Note 1 |
Note 1+2 | |
|
Wohnung |
64 |
91 |
|
Wohnverhältnisse |
56 |
88 |
|
Wohnhausanlage |
52 |
85 |
|
Lebensqualität Umgebung |
45 |
82 |
|
Erholung, Sport, Hobbys |
42 |
76 |
|
Lebenszufriedenheit |
38 |
84 |
|
menschliche Beziehungen |
36 |
71 |
|
Gesundheit |
27 |
74 |
|
seelische Grundstimmung |
32 |
78 |
|
Finanzielle Verhältnisse |
25 |
63 |
|
Arbeit, Beruf, Schule |
17 |
46 |
Als Indikator für die Stressbewältigungs-Kraft der Personen
wurde der Sense-of-Coherence-Test der Salutogenese-Theorie nach Aaron
Antonovsky verwendet, mit Fragen nach dem Sinngefühl und dem Grundvertrauen
in die Mitmenschen und in sich selbst. Mit einem durchschnittlichen Wert
auf der Fünfer-Noten-Skala von 2.24 schnitten die Respondenten aus
Alt Erlaa etwas überdurchschnittlich ab.
Es sei in dieser ersten Auswertung die schwierige Frage dahingestellt,
ob diese „gesundmachende Seelenstärke“ der Alt Erlaaer
durch die Selektion der Bewohner zustande gekommen ist, durch die befriedigenden
Wohnverhältnisse oder durch das höhere Sozialkapital des gemeinschaftsfördernden
Wohngebietes.
Weiters verfügbar:
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