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Interview mit Prof. Ernst Gehmacher
Die ersten Resultate der
OECD-Studie von Prof. Ernst Gehmacher zum Thema »Sozialkapital« liegen
nun vor (vgl. alterlaa.print 5/03). Neben einem kurzen Einblick (siehe
rechte Seite) haben wir Prof. Gehmacher um ein Gespräch gebeten.
Er ist Lektor an der TU Wien und Delegierter Österreichs in der
entsprechenden Arbeitsgruppe der OECD.
alterlaa.print: Sozialkapital – was bedeutet
das?
Prof. Gehmacher: Beim Sozialkapital geht es um soziale Bindungen, den
sozialen Kitt einer Gesellschaft. Auf privater Ebene mit Familie und
Freunden, in mittleren Dimensionen in Vereinen, etc. und bis hin zu großen
Einheiten wie Parteien und Religionsgemeinschaften.
alterlaa.print: Warum ist das so wichtig?
Prof. Gehmacher: Im anglo-amerikanische Raum bezeichnet
man es gerne auch als Zement der Gesellschaft – er bröckelt. Heute wissen
wir, dass es die Menschen glücklicher und gesünder macht. Selbst
der wirtschaftliche Erfolg hängt vom Sozialkapital ab. Nicht zuletzt
die sozialen Folgen selbst.
alterlaa.print: Warum gerade der Wohnpark Alt-Erlaa?
Prof. Gehmacher: Das Konzept des Wohnparks von Arch. Harry Glück
hatte große Ziele. Mit den vielen Einrichtungen (u.a. über
20 Klubräume, Anm. d. Red.) sollte ja erreicht werden, dass die
Menschen nicht nur schöne Wohnungen bekommen. Es geht um die Auswirkungen
der gebauten Umwelt.
alterlaa.print: Kann Ihre Studie das bestätigen?
Prof. Gehmacher: Der Idealfall einer Mittelstadt, wie den Wohnpark, ist
es einen Dorfcharakter auf moderner Ebene zu schaffen. Den können
die Ergebnisse bestätigen.
alterlaa.print: Gibt es Vergleichsergebnisse?
Prof. Gehmacher: Aus vergleichbaren urbanen Bereichen derzeit nicht.
Prinzipiell hat Österreich hohes Sozialkapital, wie auch die skandinav.
Länder. Wien ist eine hervorragende Großstadt und Alt-Erlaa
ist gut in Wien. Im Vergleich zum »alten Dorf« sind interne
Bindungen schwächer, aber dafür gibt es externe Bindungen.
Alt-Erlaa wäre sonst ein abgekapseltes Dorf.
alterlaa.print: Zweck des Projekts war ja, Schwächen aufzuzeigen
und Verbesserungen anzuregen.
Prof. Gehmacher: In Alt-Erlaa gibt es wie sonst auch die globalen Probleme,
beispielsweise die Vereinsamung. Bei der Jugend speziell kommt sicherlich
auch noch die Individualisierung oder gar Suchtverhalten dazu. Das ist
in Dörfern nicht anders.
alterlaa.print: Was sagen Sie dann aber insbesondere zu Ereignissen
wie dem Messer-Attentat eines Drogensüchtigen auf seine Mutter
vor wenigen Wochen im Wohnpark?
Prof. Gehmacher: Das sind äußere Erscheinungen, die nichts
mit dem Funktionieren einer Gesellschaft zu tun haben müssen. Auch
wenn viele in einem funktionierenden sozialen Netz sind, gibt es einige
außerhalb. Genauso sind Streitereien und Konflikte äußere
Zeichen, die es ebenfalls in funktionierenden Dörfern gibt. Das
muss sein, sonst ist das Dorfleben tot.
alterlaa.print: Das heißt der Wohnpark hat aber prinzipiell
eine funktionierende Gemeinschaft?
Prof. Gehmacher: Alt-Erlaa ist jung und eine gute Gemeinschaft funktioniert über
Generationen hinweg, das wird sich also erst zeigen. Die Studie ist lediglich
ein erster Schnappschuss. Es gibt Dörfer mit einer ausgeprägten
Gemeinschaft, aber die Jungen arbeiten auswärts, lösen sich
ab und ziehen weg.
alterlaa.print: Wie geht es weiter?
Prof. Gehmacher: Insgesamt bereiten wir gerade ein Jugend-Studie vor,
auch Studien in anderen Bereichen Wiens werden wohl folgen. Was Alt-Erlaa
betrifft, könnte es z.B. zu einer Diskussion kommen. Ich bin jedenfalls
bereit dazu. Wie zufrieden oder unzufrieden man in verschiedenen sozialen
und gesellschaftlichen Bereichen in Alt-Erlaa ist, hängt auch immer
von der Zielsetzung ab. Wir können nur einmal diese Werte messen,
für Ratschläge ist mehr Tiefenarbeit notwendig. In Bezug auf
die Jugend könnte man auch ein dauerhaftes Experiment versuchen.
Und schließlich wäre auch eine vergleichende Messung zu einem
späteren Zeitpunkt von Interesse.
alterlaa.print: Wir danken für das Gespräch.
Weiters verfügbar:
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